Aktualisiert am Dienstag 9. November, siehe ganz unten.
Aufmerksamen Wetterbeobachtern dürfte der tiefe Luftdruck aufgefallen sein, der vom Barometer momentan angezeigt wird. Nachdem ein umfangreiches und stabiles Hoch in der ersten Novemberwoche für ruhiges Herbstwetter sorgte, wurde es am Wochenende (6. und 7. November) rasch abgebaut und machte Platz für einen Kaltlufteinbruch mit einem markanten Wetterwechsel. Im gleichen Zeitraum ist der Luftdruck fast kontinuierlich von rund 1030 auf unter 990 hPa gesunken. Nur für kurze Zeit, beim Durchzug einer Kaltfront am Sonntagnachmittag 7. November, stieg der Druck vorübergehend etwas an (vgl. Abbildungen 1 bis 4).
Abb. 1: Luftdruck reduziert auf Meeresniveau (QFF) vom Freitag 5. bis Montag 8. November 2010 an einigen Messstationen des Messnetzes der MeteoSchweiz.
Druckverlauf_Nov5bis8_gross.gif, 12 KBNordatlantik-Sturmtief zieht nach Westeuropa
Neben der lokalen Wetterentwicklung fällt insbesondere die im nordatlantischen Raum stattfindende Veränderung auf: ein Sturmtief hat sich innert 48 Stunden von Kanada über die Labradorsee und Südgrönland weiter ostwärts verlagert und lag am Montagmittag um 13 Uhr mit seinem Zentrum über Irland. Der Druck im Zentrum des Tiefs ist dabei von 1000 auf rund 960 hPa gesunken. Auf seiner weiteren Zugbahn verlagert sich das Tief am Dienstag und Mittwoch, 9. und 10. November unter Abschwächung weiter über die Bretagne südostwärts nach Frankreich und Deutschland (Abbildung 5).
Abb. 5: Zugbahn des Nordatlantischen Sturmtiefs (Datengrundlage: Wettermodelle des Englischen Wetterdienstes UKMO, http://www.metoffice.gov.uk/ , Visualisierung: Rob Hart, Florida State University ). A markiert die Position des Tiefzentrums in der Nacht auf Sonntag, C in der Nacht auf Montag, und Z die voraussichtliche Position am Mittwochmorgen. Rob Hart, FSU, cyclone phase space |
Abb. 6: Druckvorhersage des feinmaschigen Wettermodells COSMO-2 der MeteoSchweiz für Dienstagmorgen 03 UTC, zum vermuteten Zeitpunkt des Druckminimums in der Deutschschweiz. Informationen über COSMO-2COSMO2_Druckprognose_gross.png, 445 KB |
Bei der weiteren Annäherung des Sturmtiefs sinkt auch der Druck in der Schweiz noch weiter ab, obwohl das Tief sich in seinem Zentrum bereits wieder auffüllt. Die Modellrechnungen sagen den tiefsten Druck für die Deutschschweiz in den Morgenstunden des Dienstags 9. November voraus. Stellvertretend zeigt die Abbildung 6 die Druckvorhersage des COSMO-2 Modells der MeteoSchweiz ein Minimum von rund 980 hPa in der Nacht auf Dienstag, das von anderen Vorhersagen in dieser Grössenordnung bestätigt wird. Der zeitliche Verlauf des Drucks für den Standort Zürich-Kloten ist in Abbildung 7 dargestellt: demnach wird der tiefste Wert um 00 UTC (etwa 01 Uhr Lokalzeit) erreicht.
Abb. 7: Reduzierter Luftdruck, Modellvorhersage für Zürich-Kloten des feinmaschigen COSMO-2 Wettermodells der MeteoSchweiz.
COSMO2_Druckprognose_Zuerich_gross.png, 21 KBStürmischer Wind in der Schweiz?
Der Begriff "Sturmtief" ist für die lokale Wetterentwicklung manchmal irreführend, so auch in diesem Fall: zwar treten auch beim aktuell über Irland liegenden Tiefdruckgebiet stürmische Winde auf (beispielsweise über der Biskaya), sie konzentrieren sich allerdings auf bestimmte Randbereiche des Tiefs. Dort treten die grössten horizontalen Druckunterschiede auf engem Raum auf, aber absolut betrachtet ist der Druck höher als im Tiefzentrum. Im weiteren Lebenszyklus des Tiefs (es trägt den Namen "Becky") gelangen nur die höher gelegenen Gebiete der Westschweiz und insbesondere des Juras in den Einflussbereich der Starkwindfelder, im Flachland bleibt es trotz des tiefen Drucks verhältnismässig windschwach.
Tab. 1: Tiefste gemessene Stationsdrücke in Hectopascal an einigen Stationen des Messnetzes der MeteoSchweiz (QFE, nicht auf Meeresniveau reduziert, siehe dazu auch die Erläuterungen weiter unten)
| Basel | Bern | Zürich-Kloten | Altdorf | Genf | Lugano |
| 930.6 (25.02.1989) | 905.0 (25.02.1989) | 909.5 (14.04.1958) | 917.2 (25.02.1989) | 921.9 (25.02.1989) | 938.5 (26.02.1989) |
| 931.0 (26.02.1989) | 905.5 (26.02.1989) | 918.6 (25.02.1989) | 917.6 (26.02.1989) | 924.2 (26.02.1989) | 939.1 (25.02.1989) |
| 935.7 (02.12.1976) | 911.8 (28.12.1999) | 919.3 (26.02.1989) | 921.6 (02.12.1976) | 927.3 (29.12.1951) | 940.2 (02.12.1976) |
| 936.6 (05.01.1919) | 913.2 (27.12.1999) | 923.1 (02.12.1976) | 923.9 (28.12.1999) | 929.5 (02.12.1976) | 942.8 (05.03.2009) |
| 939.2 (28.12.1999) | 916.1 (23.01.2009) | 927.9 (28.12.1999) | 925.3 (07.03.1917) | 930.1 (27.12.1999) | 945.6 (01.03.1867) |
Tab. 2: Tiefste reduzierte Stationsdrücke in Hectopascal an einigen Stationen des Messnetzes der MeteoSchweiz, soweit verfügbar (QFF, nicht homogenisierte Werte, aufgerundet)
| Basel | Bern | Zürich-Kloten | Altdorf | Genf | Lugano |
| 967 (25.02.1989) | 969 (25.02.1989) | --- (14.04.1958) | 968 (25.02.1989) | 969 (25.02.1989) | 971 (26.02.1989) |
| 968 (26.02.1989) | 970 (26.02.1989) | 968 (25.02.1989) | 970 (26.02.1989) | 972 (26.02.1989) | 971 (25.02.1989) |
| --- (02.12.1976) | 977 (28.12.1999) | 969 (26.02.1989) | --- (02.12.1976) | --- (29.12.1951) | --- (02.12.1976) |
| --- (05.01.1919) | 980 (27.12.1999) | --- (02.12.1976) | 976 (28.12.1999) | --- (02.12.1976) | 978 (05.03.2009) |
| 977 (28.12.1999) | 981 (23.01.2009) | 979 (28.12.1999) | --- (07.03.1917) | 979 (27.12.1999) | --- (01.03.1867) |
Andererseits zeigt ein Blick in die Vergangenheit, dass tiefe Drücke in der Schweiz sehr häufig mit für die Schweiz typischen Sturmsituationen einhergehen. In den Ranglisten der absoluten Druckminima (siehe Tabelle 1 oben) finden sich bekannte (Winter-) Stürme wie die Weihnachtsstürme "Lothar" und "Martin" von 1999, der Wintersturm "Joris" (23. Januar 2009) und ähnliche Sturmmuster wieder. Eine Auswahl an Bodenwetterkarten zu den einzelnen Sturmsituationen in der jüngeren Zeit ist in den Abbildungen 8 bis 11 wiedergegeben. Ihnen allen gemeinsam sind umfangreiche Tiefdruckzonen über dem nordatlantischen Raum, die an ihrem südlichen Rand kleinere Randtiefs nach Westeuropa steuern. Im aktuellen Fall muss man keine derart intensive Sturmlage in der Schweiz befürchten, eine Randtief-Entwicklung wird nicht erwartet.
Wie reduziert man den Luftdruck auf Meeresniveau?
Handelsübliche Barometer messen den Luftdruck am Ort (Bezeichnung QFE). Da der Luftdruck mit der Höhe abnimmt, wird für Vergleiche mit umliegenden Standorten üblicherweise eine Reduktion auf Meeresniveau vorgenommen. Dies geschieht entweder unter Annahme einer "Standardatmosphäre" (die Luftsäule unterhalb Stationshöhe, und insbesondere die Temperatur in derselben verhält sich ungefähr wie eine klimatologische "Durchschnittsatmosphäre") oder unter Berücksichtigung der gleichzeitig auf Stationshöhe gemessenen Temperatur und entsprechender Korrektur der Standardatmosphäre (vgl. auch Lexikon Luftdruck oder Wikipedia Luftdruck). Im einfachsten Fall kann der Luftdruck beim erstmaligen Ablesen an die aktuellen Referenzmesswerte angeeicht werden, die aktuellen Messwerte sind unter der Rubrik aktuelles Wetter einsehbar. Auf Meereshöhen oberhalb von 800 Metern sollte prinzipiell auf eine Reduktion auf Meeeshöhe verzichtet werden, da der Fehler zu gross wird und ein Vergleich mit anderen Messstandorten daher schwierig wird. Hier kann das Messgerät an eine Messstation in vergleichbarer Höhenlage angeeicht und für den täglichen Gebrauch vor allem die zeitlichen Luftdruckveränderung beobachtet werden.
Aktualisierung Dienstag 9. November: gemessene Druckminima der vergangenen 24 Stunden
Die Messungen der spannenden Phase liegen nun vor: der tiefste reduzierte Luftdruck wurde mit 978.4 hPa in Fahy gemessen, an der Station, die dem Sturmtief in der zweiten Nachthälfte am geographisch am nächsten lag. An einigen weiteren Stationen insbesondere in den voralpinen und inneralpinen Gebieten wurden Minima gemessen, die sich in der Klimatologie unter die 10 tiefsten Werte einordnen, Rekordminima wurden jedoch nicht registriert. Abbildungen 12 und 13 zeigen die tiefsten gemessenen QFF- und QFE-Werte, die zur Wetterlage gehörenden Radar-, Satelliten- und Bodenwetterkarten sind in den Abbildungen 14 und 15 dargestellt.
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Abb. 14: Satellitenbild (rote Farbflächen entsprechen tiefer Bewölkung, bläulich-weisse dünnen Schleierwolken, hellrot-weisse sind vertikal mächtige Wolkenmassen), überlagert mit Radarbild und Isobaren. Sat_Radar_8Nov2010.png, 1.3 MB |
Abb. 15: Frontenanalyse des Englischen Wetterdienstes UKMO vom Dienstag 8. November 2010 00 UTC. www.wetter3.deFronten_8Nov2010.gif, 88 KB |














