Wenn die Alpen im Schnee ertrinken . . .
Abgeschnittene Dörfer und Talschaften - Grosslawinen fordern über 60 Tote
Am 7. Februar verschüttete eine Lawine 2 Autos bei Lavin (Unterengadin) und forderte ein Menschenleben. In der Nacht zum 8. Februar zerstörte eine Grosslawine das Café Oberland am Dorfrand von Wengen und tötete das Wirtepaar. Es folgten Teilevakuationen in Wengen und tags darauf in Engelberg und Frutigen. Am 9. wurde die Gotthardautobahn erstmals gesperrt. Die Lötschberglinie war nach Lawinenniedergängen unterbrochen. In La Fouly VS wurden Ferienhäuser zerstört. In Malix GR erfasste eine Lawine einen Lastwagen, der Fahrer kam mit dem Schrecken davon. Bei Chamonix fanden mehr als 10 Menschen in ihren Châlets den Lawinentod.
Abb. 1: Eine Fliesslawine hat den Talboden erreicht. Man beachte die Verästelungen in der Auslaufzone, welche sehr unberechenbar sein können. Bild: SLF Davos.
Stationäre Wettersituation
Wie kam es zu diesem "Jahrhundertwinter''? Voraussetzung für massive Schneefälle am Alpennordhang ist das Vorhandensein einer Staulage. Die hierfür notwendige Wetterlage ist die folgende (Abb. 2): Ein Tief mit kalter Luft liegt über dem Nordmeer und Skandinavien einerseits, und ein Hochdruckgebiet mit milder Luft über dem Atlantik andererseits. Kaltluft aus Norden und milde Luftmassen aus Westen begegnen sich zwischen den beiden Druckzentren und werden in einer stürmischen Nordwestströmung gegen Mitteleuropa und die Alpen geführt. Entlang der Grenzzone zwischen den Luftmassen entwickeln sich kräftige Niederschlagsgebiete.
Abb. 2: Die Grosswetterlage im Februar 1999. Ein ausgeprägte Nordwestlage über Europa führt in kurzen Abständen mehrere aktive Niederschlagsgebiete gegen die Alpen.
Das spezielle an der Wettersituation ab dem 26. Januar war aber, dass Tief- und Hochdruckgebiet ihre Lage jeweils während mehreren Tagen kaum änderten, also stationär verharrten. Intensive Schneefallperioden hielten deshalb über mehrere Tage an. Schwächten sich Hoch- und Tiefdruckgebiet endlich ab und wanderten diese Druckgebiete endlich weg, so wurden sie nach kurzer Zeit durch neue Hoch- und Tiefdruckgebiete an alter Stelle ersetzt, womit die nächste, mehrtägige Staulage entstand. Auf diese Weise können seit dem 26. Januar drei Starkschneefallperioden (26.-29.1., 5.-10.2. und 17.-24.2.) innerhalb von insgesamt 30 Tagen festgestellt werden.
Ein Jahrhundert-Schneefall?
Die Tabelle zeigt die drei Starkschneefall-Ereignisse und die Schneedeckenentwicklung in cm.
Auch für die jeweiligen Gesamt-Neuschneesummen während den einzelnen Starkschneefall-Perioden sind Vergleichsfälle aus früheren Jahren in aller Regel leicht zu finden. Die vom 26.-29.1. gefallenen Mengen entsprachen nur am westlichen Alpennordhang etwa einem 5-Jahres-Ereignis. Die Neuschneesummen vom 5.-10. Februar am Alpennordhang und im nördlichen Wallis sind alle 5-10 Jahre zu erwarten. An einzelnen Messorten (Adelboden, Einsiedeln) wurden allerdings die bisher höchsten Neuschneesummen über 6 Tage registriert. Vom 17.-24. Februar wurden am Alpennordhang und in Nordbünden oberhalb 2000 m erneut Neuschneemengen von 2,5 bis 3 m registriert. Auch dies ist nur alle 5-10 Jahre zu erwarten. Ausnahme: 276 cm Neuschnee auf dem Weissfluhjoch sind Messrekord. Die einzelnen Starkschneefall-Perioden waren somit an den meisten Orten bei weitem keine Jahrhundertereignisse.
Über die ganze Zeit vom 26.1.-24.2. betrachtet war die Neuschneesumme hingegen extrem. Oberhalb 2000 m betrug sie 5-7 m(!). In Andermatt waren es rund 5 m, in Davos 379 cm, in Adelboden 389 cm und in Scuol im Unterengadin 243 cm. An der Mehrheit der Messstellen am Alpennordhang und in Nordbünden wurden noch nie über 30 Tage hinweg so grosse Neuschneesummen angehäuft.
Am 24./25. Februar wurden denn auch sehr beeindruckende Gesamtschneehöhen gemessen. Auf dem Weissfluhjoch lagen 346 cm Schnee, was ein Rekord seit Messbeginn 1959 ist. Und die Messstellen Andermatt, Davos, Säntis und Grimsel massen Rekordschneehöhen für den Monat Februar.
Die Frage nach dem Jahrhundert-Schneefall lässt sich so einfach nicht beantworten. Schneemessungen reichen nirgends bis 1901 zurück. Sodann kann man sich fragen: Was ist extremer? Die jetzt über 30 Tage gefallenden Neuschneesummen, oder 1 m Neuschnee zusätzlich über 40 Tage, oder 1 m weniger über 20 Tage.
Wie extrem die Schneefälle tatsächlich waren, beschreibt am treffensten die Medienäusserung eines SLF-Mitarbeiters, wonach am ehesten noch die Lawinensituation im Jahre 1951 mit der aktuellen Lage um den 22. Februar vergleichbar sei.
Impressionen aus dem tief verschneiten Klosters (Bündner Alpen, Schweiz) während der letzten Februarwoche 1999
