MeteoSchweiz

Aktuelles zum Wettergeschehen

28. Februar 1999 / MeteoSchweiz

 

Lawinenwinter

 

für forschungszwecke ausgelöste lawine

Wenn die Alpen im Schnee ertrinken . . .

Der grosse Schnee und die Lawinenkatastrophen wurden im Februar zum Hauptthema der Medien, Berufsleute und Touristen. In den Bergen folgten sich schubweise jeweils mehrtägige, ergiebige Schneefälle. Die Lawinengefahr erreichte im letzten Monatsdrittel die höchste Alarmstufe. Dörfer und Täler waren in weiten Teilen des Alpenraumes tagelang von der Umwelt abgeschnitten. Weit über 100 000 Wintersportgäste mussten ihre Ferien unfreiwillig verlängern und in ungemütlicher oder gar lebensbedrohender Lage ausharren. Zahlreiche Häuser wurden zerstört, es gab über 60 Lawinentote auf Verkehrswegen und in Siedlungen. Die Gotthardautobahn war eine ganze Woche lang gesperrt.


Abgeschnittene Dörfer und Talschaften - Grosslawinen fordern über 60 Tote

Am 7. Februar verschüttete eine Lawine 2 Autos bei Lavin (Unterengadin) und forderte ein Menschenleben. In der Nacht zum 8. Februar zerstörte eine Grosslawine das Café Oberland am Dorfrand von Wengen und tötete das Wirtepaar. Es folgten Teilevakuationen in Wengen und tags darauf in Engelberg und Frutigen. Am 9. wurde die Gotthardautobahn erstmals gesperrt. Die Lötschberglinie war nach Lawinenniedergängen unterbrochen. In La Fouly VS wurden Ferienhäuser zerstört. In Malix GR erfasste eine Lawine einen Lastwagen, der Fahrer kam mit dem Schrecken davon. Bei Chamonix fanden mehr als 10 Menschen in ihren Châlets den Lawinentod.

 

fliesslawine

Abb. 1: Eine Fliesslawine hat den Talboden erreicht. Man beachte die Verästelungen in der Auslaufzone, welche sehr unberechenbar sein können. Bild: SLF Davos.

Ab dem 18. wurden nicht nur schwer erreichbare Seitentäler, sondern ganze Tourismus-Regionen teils bis zum 26. völlig von der Umwelt abgeschnitten: das Unterengadin, Davos-Klosters, Elm, Andermatt, das Gebiet Brünig-Lungern und das Haslital inkl. die Gemeinden am Brienzersee, Grindelwald, Adelboden, Zermatt und das Goms. Die Gotthardautobahn blieb vom 19.-25. Februar geschlossen. Tausende von Personen mussten evakuiert werden. Am 22. und 23. erreichte die Lawinenaktivität ihren traurigen Höhepunkt. In Malbun zerstörten zwei Lawinen 12 zuvor evakuierte Ferienhäuser. Eine Grosslawine überrollte bei Villa (Val d'Hérens) mehrere bewohnte Ferienhäuser und ein Schneeräumungsfahrzeug. 10 Menschen kamen ums Leben, einzig ein Mädchen konnte lebend geborgen werden. Eine mächtige Staublawine donnerte mitten ins Dorfzentrum von Galtür im Tiroler Paznauntal, wobei 37 Menschen ihr Leben verloren. Weitere Lawinen zerstörten Häuser in Bristen (UR), in Geschinen (Obergoms) und in Dailley im Aostatal und forderten je ein Menschenleben. Eine Beruhigung der extremen Lawinensituation trat nach einer Wetterbesserung erst ab dem 25. Februar ein, doch blieben einige Täler und Strassenverbindungen bis Anfang März gesperrt. Am Sonntag, 28. Februar, verloren aber 3 Menschen bei einem Helikopterabsturz im Wallis ihr Leben. Der Flug diente der Rekognoszierung der Lawinensituation.


Stationäre Wettersituation

Wie kam es zu diesem "Jahrhundertwinter''? Voraussetzung für massive Schneefälle am Alpennordhang ist das Vorhandensein einer Staulage. Die hierfür notwendige Wetterlage ist die folgende (Abb. 2): Ein Tief mit kalter Luft liegt über dem Nordmeer und Skandinavien einerseits, und ein Hochdruckgebiet mit milder Luft über dem Atlantik andererseits. Kaltluft aus Norden und milde Luftmassen aus Westen begegnen sich zwischen den beiden Druckzentren und werden in einer stürmischen Nordwestströmung gegen Mitteleuropa und die Alpen geführt. Entlang der Grenzzone zwischen den Luftmassen entwickeln sich kräftige Niederschlagsgebiete.

 

grosswetterlage februar 1999

Abb. 2: Die Grosswetterlage im Februar 1999. Ein ausgeprägte Nordwestlage über Europa führt in kurzen Abständen mehrere aktive Niederschlagsgebiete gegen die Alpen.

Zusätzlich werden die Luftmassen an den Alpen zum Aufsteigen gezwungen. Dies führt zu Stau am Alpennordhang und damit zu einer Intensivierung der Schneefälle.

Das spezielle an der Wettersituation ab dem 26. Januar war aber, dass Tief- und Hochdruckgebiet ihre Lage jeweils während mehreren Tagen kaum änderten, also stationär verharrten. Intensive Schneefallperioden hielten deshalb über mehrere Tage an. Schwächten sich Hoch- und Tiefdruckgebiet endlich ab und wanderten diese Druckgebiete endlich weg, so wurden sie nach kurzer Zeit durch neue Hoch- und Tiefdruckgebiete an alter Stelle ersetzt, womit die nächste, mehrtägige Staulage entstand. Auf diese Weise können seit dem 26. Januar drei Starkschneefallperioden (26.-29.1., 5.-10.2. und 17.-24.2.) innerhalb von insgesamt 30 Tagen festgestellt werden.


Ein Jahrhundert-Schneefall?

 

lawinentabelle

Die Tabelle zeigt die drei Starkschneefall-Ereignisse und die Schneedeckenentwicklung in cm.

Wie extrem waren nun diese Schneefälle? Nicht aussergewöhnlich waren die täglichen Neuschneefälle. An einzelnen Orten gab es zwar im Extremfall bis zu 1 Meter Neuschnee innerhalb eines Tages. Gemäss dem Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos sind aber schon 24-stündige Starkschneefälle bis 150 cm registriert worden sein.

Auch für die jeweiligen Gesamt-Neuschneesummen während den einzelnen Starkschneefall-Perioden sind Vergleichsfälle aus früheren Jahren in aller Regel leicht zu finden. Die vom 26.-29.1. gefallenen Mengen entsprachen nur am westlichen Alpennordhang etwa einem 5-Jahres-Ereignis. Die Neuschneesummen vom 5.-10. Februar am Alpennordhang und im nördlichen Wallis sind alle 5-10 Jahre zu erwarten. An einzelnen Messorten (Adelboden, Einsiedeln) wurden allerdings die bisher höchsten Neuschneesummen über 6 Tage registriert. Vom 17.-24. Februar wurden am Alpennordhang und in Nordbünden oberhalb 2000 m erneut Neuschneemengen von 2,5 bis 3 m registriert. Auch dies ist nur alle 5-10 Jahre zu erwarten. Ausnahme: 276 cm Neuschnee auf dem Weissfluhjoch sind Messrekord. Die einzelnen Starkschneefall-Perioden waren somit an den meisten Orten bei weitem keine Jahrhundertereignisse.

Über die ganze Zeit vom 26.1.-24.2. betrachtet war die Neuschneesumme hingegen extrem. Oberhalb 2000 m betrug sie 5-7 m(!). In Andermatt waren es rund 5 m, in Davos 379 cm, in Adelboden 389 cm und in Scuol im Unterengadin 243 cm. An der Mehrheit der Messstellen am Alpennordhang und in Nordbünden wurden noch nie über 30 Tage hinweg so grosse Neuschneesummen angehäuft.

Am 24./25. Februar wurden denn auch sehr beeindruckende Gesamtschneehöhen gemessen. Auf dem Weissfluhjoch lagen 346 cm Schnee, was ein Rekord seit Messbeginn 1959 ist. Und die Messstellen Andermatt, Davos, Säntis und Grimsel massen Rekordschneehöhen für den Monat Februar.


Die Frage nach dem Jahrhundert-Schneefall lässt sich so einfach nicht beantworten. Schneemessungen reichen nirgends bis 1901 zurück. Sodann kann man sich fragen: Was ist extremer? Die jetzt über 30 Tage gefallenden Neuschneesummen, oder 1 m Neuschnee zusätzlich über 40 Tage, oder 1 m weniger über 20 Tage.

Wie extrem die Schneefälle tatsächlich waren, beschreibt am treffensten die Medienäusserung eines SLF-Mitarbeiters, wonach am ehesten noch die Lawinensituation im Jahre 1951 mit der aktuellen Lage um den 22. Februar vergleichbar sei.




Impressionen aus dem tief verschneiten Klosters (Bündner Alpen, Schweiz) während der letzten Februarwoche 1999

 

lawinenbild klosters
lawinenbild klosters
lawinenbild klosters
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