Nachdem am Donnerstag, 26. August noch zum Teil über 30 Grad gemessen werden konnten, floss feuchtere und zuerst noch recht milde, vom Sonntag Abend an arktische Kaltluft in den Schweizer Alpenraum.
Dabei sank die Schneefallgrenze in einer ersten Phase, am Samstag Morgen, zunächst einmal auf knapp 3000 Meter. Das ist im August überhaupt nichts Besonderes.
Bild 2: Der eindrückliche Tiefdruckwirbel vom Montag, 30. August 2010, 6 UTC aus der Satellitenperspektive.
Animation.gif, 11.7 MBMit einer zweiten Kaltfront setzten am Sonntag spät neue Niederschläge ein. Bereits in der Anfangsphase lag die Schneefallgrenze nur noch wenig über 2000 Meter. Sie sank in der Nacht zum Montag weiter ab und erreichte am Morgen generell etwa 1600 Meter. Zu diesem Zeitpunkt lag auf diversen Passstrassen Schnee. Im Laufe des Montags fielen weitere Niederschläge, zum Teil als Schauer, und in der Nacht zum Dienstag regnete es besonders in den Nordstaugebieten weiter. Damit kam es zu einem weitern Abkühlungseffekt, da sich die Luftmassen gebietsweise durch lokalen Wärmeentzug zusätzlich abkühlten. Dies ist bedingt durch den schmelzenden Schnee und wird Niederschlagsabkühlung genannt. So sank die Schneefallgrenze im Engelberger Tal, im Glarnerland sowie in der Region Prättigau-Unterengadin lokal bis etwa 1400 Meter.
Auf die Frage, wie dies möglich ist, ergeben sich zwei Gründe:
Einerseits stiess nahezu die kältest mögliche Luftmasse für die Jahreszeit aus sehr hohen Breiten bis zu den Alpen. Schon in älteren Publikationen finden sich Hinweise, dass unter diesen Bedingungen Ende August eine Nullgradgrenze in der freien Atmosphäre von etwa 1600 Metern erwartet werden muss. Dies war mit 1700 Metern fast exakt der Fall. Eine Zurückverfolgung der Kaltluft zeigt, dass das Startgebiet zwischen dem Norden Grönlands und dem Nordpol liegt.
Der zweite Effekt ist die Niederschlagsabkühlung. Sie erreichte in diesem Fall höchstens 200 Meter und war somit gering. Es sind Fälle bekannt, bei denen die Absenkung der Schneefallgrenze mehr als 1000 Meter erreichte. Aus diesem Grund lag beispielsweise am 6. September 1984 in Chur Schnee.
Bild 3: Verlauf der berechneten Schneefallgrenze (oben) und des Niederschlag an der Station Davos, 1594 m/M.
gross.gif, 9 KBAm Dienstag Morgen wurden dann zum Beispiel auf dem Weissfluhjoch 21, auf dem Grimselpass 12, in Arosa 9 und in Davos 3 cm Schnee gemessen. Aufgrund der gefallenen Regenmengen (siehe Bild 4), können die Schneehöhen oberhalb von 2500 Metern auf 30 bis lokal 60 cm geschätzt werden.
Ist dieses Ereignis nun aussergewöhnlich?
In Höhenlagen von 2000 Meter und darüber sind Schneefälle im August keine Seltenheit und kommen praktisch jährlich vor, manchmal auch mehrmals im selben Monat. In Höhenlagen zwischen 1500 und 1900 Metern liegt die Wiederholperiode bei 1 bis 3 Jahren, Schnee unterhalb von 1500 Metern ist im August sehr selten.
Der markanteste August-Wintereinbruch der vergangenen 80 Jahre fand vor genau 15 Jahren statt. Am 29. August 1995 fielen auf dem Säntis 70 cm Neuschnee. Am Weissfluhjoch wurden damals 45 cm und in Arosa 23 cm gemessen. Die Schneefallperiode dauerte etwa 4 Tage, so wurde auf dem Säntis am 31. August 1995 eine Gesamtschneehöhe von 109 cm aufgezeichnet.
Weitere August-Schneefallereignisse sind aus den Jahren 1963, 1969, 1982, 1985, 1986 und 2006 bekannt.
Ausblick
Nach diesem massiven Kaltlufteinbruch stellt sich die Frage, ob noch Hoffnungen für einen spätsommerlichen September berechtigt sind. Sicher ja, denn die Prognose für die nächsten Tage zeigt eine Rückkehr warmer Luftmassen an (Detailprognose). Ausserdem beweist der Panoramaausschnitt von der Wetterkamera Murtel (Zwischenstation der Corvatsch Bahn auf 2700 Metern), dass schon wenige Sonnenstunden in der Lage sind, dem Schnee entscheidend zu Leibe zu rücken.
Bild 5: Blick von Murtel/GR Richtung Nordwesten. Dienstag, 31. August 2010, 8.50h Lokalzeit.
gross.jpg, 273 KBBild 6: Blick von Murtel/GR Richtung Nordwesten. Dienstag, 31. August 2010, 15.30h Lokalzeit.
gross.jpg, 294 KB







