29. November 2007 / Daniel Gerstgrasser
Der Witterungsverlauf im vorletzten Monat des laufenden Jahres war sehr abwechslungsreich und spannend. So konnten fast alle klassischen Wetterlagen - angefangen von einer Bisenlage über eine Nordwestlage mit Starkschneefällen bis hin zum Föhnsturm - beobachtet werden. Im folgenden Artikel werden diese Wetterlagen und die dabei aufgetretenen Phänomene kurz beschrieben. Detaillierte Erklärungen zu den beschriebenen Wetterlagen können der Broschüre Wetterlagen im Alpenraum entnommen werden.
Bisenlage, 1.-4. November 2007
Zum Monatsbeginn war eine klassische Bisenlage wetterbestimmend, dementsprechend war es auf der Alpennordseite zeitweise trüb durch Hochnebel. Mit absinkender Obergrenze löste sich das Nebelgrau an den Folgetagen immer besser auf. Oberhalb der Inversionsschicht war es sonnig und recht mild.
Bild 2: Höhenkarte 500 hPa (ca. 5500 m) vom 2. November 2007, 12 Uhr UTC
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Bei einer Bisenlage ist im Bodendruckfeld das Hoch immer nordwestlich der Schweiz zu finden, sein Kern liegt in der Regel zwischen Grossbritannien und den Benelux-Ländern (s. Bild 1). Auf der Alpennordseite ist es oft trüb durch Hochnebel, vor allem in den Bisenstauregionen der Zentral- und Ostschweiz. Je stärker die Bise, umso höher liegt in der Regel die Obergrenze des Hochnebels.
Bild 3: Kamerbild Bahnhof Goldau/SZ, 3. November 2007, 11 Uhr UTC. Mit Bise staut sich der Hochnebel in der Zentralschweiz. Quelle aller Bilder: Kameranetz MeteoSchweiz
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Bild 4: Kamerbild Landquart/GR, 3. November 2007, 11 Uhr UTC. Landquart liegt zwar noch unterhalb der Inversionsschicht, es hat sich jedoch kein Hochnebel gebildet. Richtung Sarganserland (im Bild links) sind einige Hochnebelreste erkennbar.
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Bild 5: Kamerbild Murtel/GR, 3. November 2007, 11 Uhr UTC. Blick von der Mittelstation der Corvatschbahn ins Oberengadin. Bei klarer Luft und angenehmen Temperaturen herrscht (noch) Herbststimmung.
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In der Folge baute sich über dem nahen Atlantik ein stabiles Hochdruckgebiet auf. Dieses Hoch blockierte die grossräumige Westdrift und schuf die Voraussetzungen für eine Nordwestlage in Mitteleuropa.
Nordwestlage, 9.-13. November 2007
Siehe dazu auch separater Bericht vom 11. November 2007Eine Kaltfront begleitet von starken bis stürmischen Westwinden leitete am 9. die erste Wetterlage mit Starkschneefällen in den zentralen und östlichen Alpen ein. Am intensivsten waren die Schneefälle mit einem Warmlufteinschub in der Höhe vom 10. auf den 11. November.
Bild 7: Höhenkarte 500 hPa (ca. 5500 m) vom 10. November 2007, 12 Uhr UTC
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Bei einer ausgeprägten Nordwestlage befindet sich ein Hoch über dem Atlantik und ein Tief über Skandinavien (Bild 6). Zwischen diesen beiden Drucksystemen ist in der Höhe ein ausgeprägtes, von Nordwest nach Südost gerichtetes Starkwindband zu finden (Bild 7). Bei der Ballonsondierung in Payerne/VD wurden beispielsweise in einer Höhe von 5500 Metern mittlere Windgeschwindigkeiten von 130 km/h gemessen. Ab dem 13. schwächten sich die Höhenwinde deutlich ab.
Bild 8: Kamerbild Landquart/GR, 10. November 2007, 11 Uhr UTC. Der Winter ist nun auch im Tal eingekehrt, in den Staulagen schneit es anhaltend.
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Bild 9: Kamerabild Olivone/TI am Lukmanierpass, 10. November 2007, 11 Uhr UTC. Mit dem starken Höhenwind werden die Schneefälle über den Hauptkamm auf die Alpensüdseite verfrachtet.
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Bild 10: Kamerbild Montagnola/TI am Luganersee, 10. November 2007, 11 Uhr UTC. Der Alpenbogen entfaltet seine Wirkung als Wetterscheide...
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Spezielles: Aufgrund der extremen Höhenwinde wurden die Niederschläge bis weit in die Alpen hinein und auch über den Alpenhauptkamm hinweg nach Süden verfrachtet, erst im Mittel- und Südtessin wirkte der Nordwind wolkenauflösend (siehe Bild 8 bis 10). Das Niederschlagsmaximum war dementsprechend in Richtung Alpenhauptkamm verschoben (Grimselgebiet, Glarner Hinterland, Nord- und Mittelbünden).
Nord- bis Nordostlage, 14.-15. November 2007
In der Folge ereignete sich eine zweite Starkschneefallepisode, allerdings mit etwas anderen Voraussetzungen.
Das atlantische Hoch hat sein Zentrum nach England verschoben (Bild 11), in der Höhe gelangen arktische Luftmassen zum Alpenraum. Auf dem Jungfraujoch (3580 m) sinkt die Temperatur dabei auf -24, auf dem Säntis (2500 m) auf -16 Grad. Die Höhenwinde sind nur noch mässig und wehen aus Nord- bis Nordost. Diese Lage ist verwandt mit der Bisenlage vom 1.-4. November, hier handelt es sich aber um eine tiefdruckbestimmte Bisenlage (bise noire).
Bild 13: Temperaturverlauf Jungfraujoch und Säntis während der zwei Perioden mit Starkschneefall. An den Bergstationen werden die tiefsten Werte am 15. und in der Nacht auf den 16. gemessen.
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Spezielles: In diesem Fall lag der Schwerpunkt der Schneefälle an den Voralpen vom Haslital über die Zentralschweiz und das Glarnerland bis zum Appenzell. Aufgrund der tiefen Temperaturen hatte der feine Pulverschnee einen geringen Wassergehalt. So wurden beispielsweise in St. Gallen am Morgen des 15. Novembers 29 cm Neuschnee gemessen, die Niederschlagssumme betrug aber nur knapp 18 mm. Bei Schneefällen mit höheren Temperaturen (knapp unter dem Gefrierpunkt) gilt die Faustregel, dass 1 cm Schnee etwa 1 mm Wasseräquivalent (= Wassermenge des geschmolzenen Schnees) entspricht.
Hochdrucklage, 16.-18. November 2007
Nach den grossen Schneefällen beruhigte sich die Wetterlage, für einige Tage setzte sich Hochdruckeinfluss durch; viele Skigebiete nahmen bereits den Skibetrieb auf.
Bild 14: Bodendruckkarte mit Fronten, 17. November 2007, 12 Uhr UTC.
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Bild 15: Höhenkarte 500 hPa (ca. 5500 m), 17. November 2007, 12 Uhr UTC.
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Das Hoch hat seinen Kern nördlich der Alpen (Bild 14), und verflacht tags darauf. Auf der Höhenkarte liegt der Alpenraum zwischen dem Hoch über den Benelux-Ländern und einem Italientief (Bild 15). Vor allem am 18. ist es windschwach und in den Bergen deutlich milder als an den Vortagen. In den Bergen herrschen an diesem Wochenende bereits beste Schneesportverhältnisse (Bild 16).
Bild 16: Kamerabild Grimselpass, 18. November 2007, 10.10 Uhr UTC. Für die Jahreszeit liegt ausgesprochen viel Schnee, am Grimselhospiz (1980 m) misst der Beobachter am Morgen eine Schneehöhe von 96 cm.
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Föhnlage, 19.-22. November 2007
siehe dazu auch separater Bericht vom 22. November 2007Im Anschluss an die kurze Hochdruckperiode drehten sich die grossräumigen Druckverhältnisse über Europa vollständig um, und es etablierte sich eine mehrtägige Föhnlage.
Bild 18: Höhenkarte 500 hPa (ca. 5500 m), 21. November 2007, 12 Uhr UTC
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Von der Biskaya bis nach Schottland erstreckt sich ein Tiefdruckkomplex, die zum Tief gehörende Störung erstreckt sich von der Nordsee über Frankreich bis nach Ostspanien und ist praktisch stationär. Südlich des Alpenbogens hat sich das typische „Föhnknie“ ausgebildet (s. Bild 17), im Tessin ist der Luftdruck etwa 10 Hektopascal höher als im Mittelland. Auf der Höhenkarte wehen über dem Alpenraum südwestliche Höhenwinde in der Grössenordnung von 90 km/h auf 5600 Metern.
Spezielles: Während einer Föhnlage liegt im Mittelland in der Regel ein stabiler Kaltluftsee, der einige hundert Meter mächtig ist (ähnlich wie bei winterlichen Hochdrucklagen). In dieser stabilen Schicht reichern sich Schadstoffe an, und es können die Grenzwerte für den Feinstaub überschritten werden. In den Föhngebieten hingegen, sorgt der Wind für einen Luftmassenaustausch. Der Vergleich der Messungen von Zürich und Vaduz zeigt dies eindrücklich:
Bild 19: Verlauf Feinstaubwerte PM10 (oben) und Temperatur (unten). Bereits während der Hochdruckperiode findet eine Anreicherung statt, und der Grenzwert von 50 Mikrogramm/m3 wird während der Föhphase allmählich überschritten. Erst mit dem Frontdurchgang und den damit verbundenen Niederschlägen erfolgt auf den 24. November ein Luftmassenaustausch.
Quelle: Ostluftgross.png, 29 KB
Bild 20: Verlauf Feinstaubwerte PM10 (oben) und Temperatur (unten) in Vaduz. Vor dem Föhndurchbruch wird der Grenzwert von 50 Mikrogramm/m3 überschritten. Mit dem Föhneinsatz (erkennbar am Temperaturanstieg), werden die bodennahe Kaltluft und damit die Schadstoffe ausgeräumt. Während einer Föhnpause (erkennbar am Temperaturabfall) am 22. steigen die Werte rasch an. Ein nachhaltiger Luftmassenwechsel findet erst am 24. statt.
Quelle: Ostluftgross.png, 15 KB
Westwindwetter zum Monatswechsel (Prognose)
Mit dem Monatswechsel kündigt sich eine weitere, recht interessante Wetterlage an: Westwind. Diese dürfte mit bis etwa am 3. Dezember anhalten, und dann in eine Nordwestlage übergehen (Stand: 29. November 2007, 16 Uhr).
Bild 21: Jetstream - Vorhersage des europäischen Prognosemodells (EZMW) für den 2. Dezember 2007. Die Schweiz liegt in der Bildmitte, weitere Erläuterungen im Text.
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Bild 21 zeigt das für Sonntag, 2. Dezember 2007 vorhergesagte zonale Strömungsregime über dem Atlantik und Westeuropa. Das von West nach Ost gerichtete Starkwind (eingefärbt) trennt suptropische Luftmassen im Süden von der Polarluft im Norden. Im Bereich dieses Jetstreams bilden sich oft schnell ziehende Randtiefs, welche für die Herbst- und Winterstürme in Europa verantwortlich sind.