06. November 2008 / Emanuele Zala, Daniel Gerstgrasser
Seit über einer Woche liegt der Alpenraum im Einflussbereich eines umfangreichen Tiefs mit Schwergewicht über Westeuropa. Auf seiner Vorderseite wurde in mehreren Staffeln milde und sehr feuchte Luft vom Mittelmeerraum gegen die Alpensüdseite advehiert. Die ergiebigsten Niederschläge fielen einerseits über Südostfrankreich und andererseits am Alpensüdhang. Nachdem im Süden bereits Ende Oktober beachtliche Niederschläge registriert wurden (siehe Beiträge dazu:
deutsch,
Italienisch), kam es in den vergangenen Tagen nochmals zu markanten Regenfällen.
Synoptische Übersicht
Die allgemeine Lage ist seit Ende Oktober durch einen kräftigen Trog, das heisst durch eine U-förmige Höhenströmung über Westeuropa charakterisiert. Auf der Rückseite des Troges stiessen in einer ersten Phase Luftmassen polaren Ursprungs weit gegen Süden vor.
Bild 1: Wind auf 5.5km Höhe (in Knoten)
Über dem Mittelmeer traf die Kaltluft auf das immer noch sehr warme Wasser. Durch das Zusammenstossen dieser beiden sehr unterschiedlichen Luftmassen entwickelten sich mehrere Teiltiefdruckgebiete, welche auf der Vorderseite des Troges gegen Frankreich geführt wurden.
Bild 2: Wind auf 1.5km Höhe (in Knoten)
Diese synoptische Lage verursachte über den Alpen eine kräftige Süd- bis Südostströmung, mit welcher feuchte und instabile Luft vom Mittelmeer gegen die Alpensüdseite geführt wurde. Zum Teil waren die Niederschläge auch mit Gewittern durchsetzt. Auf der Alpennordseite manifestierte sich die Südströmung als kräftiger Föhn, der zeitweise bis ins Mittelland vorstiess.
Niederschlagsmengen vom 2. bis 6. November
Auf Grund der südöstlichen Komponente der Winde wirkte sich der Stau insbesondere im nördlichen Piemont und in den angrenzenden Regionen aus. So wurden in Domodossola und Umgebung mit 4-Tagessummen von 280 Litern Regen pro Quadratmeter die höchsten Werte registriert. Da das Val d’Ossola eine südöstliche Ausrichtung aufweist, konnte die feuchte Mittelmeerluft weit ins Tal vordringen und sich hier entladen. Aber auch weiter nördlich, im Simplongebiet, wurden mit rund 210 mm beachtliche Werte erfasst. Hier wirkte allerdings bereits eine gewisse Abschirmung durch die vorgelagerten Bergketten, was die etwas geringeren Werte erklärt.
Bild 3: Radar-Niederschlagssumme über 72 Stunden 2.11 um 16:00 Uhr bis 5.11 um 16:00
Das Locarnese und seine Täler wurden ebenfalls durch die ergiebigen Niederschläge tangiert. Die gemessenen Regensummen bewegen sich hier zwischen 140 mm am Lago Maggiore und 210 mm im Val Bavona (oberes Maggiatal). Durch die kräftigen Winde wurden die Niederschläge zudem über den Alpenhauptkamm in die Walliser Südtäler sowie ins Goms verfrachtet. Auch hier Betrug Niederschlagssumme über 4 Tage 120 bis 180 mm, wobei in Binn und in Saas Fee die grössten Mengen fielen.
Bild 4: Niederschlagssummen vom 2.11 07:00 Uhr bis 6.11 07:00 Uhr des automatischen Messnetzes
| Station |
2. Nov (mm) |
3. Nov (mm) |
4. Nov (mm) |
5. Nov (mm) |
Total (mm) |
| Brig |
0.0 |
2.0 |
51.7 |
- |
53.7 |
| Binn |
1.5 |
38.5 |
83.5 |
55.0 |
178.5 |
| Fieschertal |
28.4 |
3.3 |
54.0 |
- |
85.7 |
| Saas Fee |
29.5 |
1.4 |
89.5 |
49.0 |
169.4 |
| Simplon-Dorf |
37.6 |
20.4 |
116.0 |
36.9 |
210.9 |
| Sedrun |
5.3 |
5.9 |
29.3 |
- |
40.5 |
| Göschenen |
9.2 |
9.8 |
30.5 |
- |
49.5 |
| Guttannen |
7.1 |
0.9 |
28.7 |
- |
36.7 |
| Zervreila |
3.8 |
10.0 |
22.0 |
- |
35.8 |
| Innerferrera |
5.0 |
22.5 |
14.9 |
- |
42.4 |
| Mosogno |
27.1 |
30.2 |
84.4 |
- |
141.7 |
| Vira Gambarogno |
24.9 |
19.0 |
89.4 |
- |
133.3 |
| Intragna |
31.0 |
52.0 |
52.0 |
- |
135.0 |
| Sonogno |
15.9 |
21.6 |
67.5 |
- |
105.0 |
| Camedo |
6.3 |
36.0 |
102.0 |
105.2 |
249.5 |
Tabelle 1: Niederschlagssummen von manuellen Regenmessstationen (NIME)
Mit diesen grossen Niederschlagsmengen stieg der Pegel des Lago Maggiore am Donnerstag über die Hochwassergrenze:
Bild 5: Pegelstand Lago Maggiore bei Locarno (Quelle: BAFU)
Föhn im Norden und Scirocco im Süden
Begleitet wurde das Ereignis auch durch kräftige Winde, die sich auf der Alpennordseite als Föhn und im Süden als feuchtwarmer, Scirocco-artiger Wind auswirkten. Insbesondere in erhöhten Lagen registrierten die Windmesser auf der Alpennordseite Spitzen zwischen 160 und 185 km/h. Aber auch im Südentessin traten in den Bergen Böen um 120 km/h, im Flachland und in den Tälern zwischen 50 und 70 km/h auf. In den Föhngebieten stiegen die Temperaturen entsprechend auf Werte bis 20 Grad.
Bild 6: Böenspitzen vom 1.11 01:00 Uhr bis zum 5.11 18:00 Uhr (km/h)
Bild 9: Blitze Tessin und Norditalien, zeitlicher Verlauf vom Mittwoch, 5. Oktober 2008
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